Globale Märkte sollten sich gut überlegen, was sie sich wünschen

Von John J. Hardy, Head of FX Strategy bei der Saxo Bank
 
Nicht einmal einen Monat nach dem Schock des Brexit-Votums hat sich das Trauma, das dieses Ereignis an den globalen Märkten hervorgerufen hatte, komplett in Luft aufgelöst - abgesehen vom rasanten Sturz des Wechselkurses für das Pfund Sterling. Und man könnte fast glauben, dass das Brexit-Votum die globalen Märkte sogar noch ankurbelt: Die Investoren sind davon überzeugt, dass die Zentralbanken in den verschiedenen Ländern sich irren, was die gemäßigte Vorsicht angeht, eine Ansteckung der Wirtschaft durch den Brexit zu vermeiden. Die britische Zentralbank wird im August vermutlich eine Art quantitative Lockerung auf den Tisch bringen, die den finanzpolitischen Sparkurs des ehemaligen Schatzkanzlers Osborne abschwächen soll. Andernorts haben sich die Zentralbanken in letzter Zeit bereits zunehmend akkommodierend gegeben. Die US-Notenbank hält sich derzeit mit Prognosen über ein mögliches Schwächeln der US-Wirtschaft zurück und Japan wird in Kürze umfangreiche steuerliche Anreize setzen, nachdem das Wachstum angesichts des steilen Anstiegs des japanischen Yen abgeflaut war. Und China, die weltweit wichtigste Wachstumsquelle in den letzten 15 Jahren, ist eindeutig entschlossen, die Anreize bis auf Weiteres beizubehalten, damit die Wirtschaft weiter brummt – auch wenn das Land damit eine beängstigende, unhaltbare Schuldenblase herbeiführt.
 
Eine seltsame Lage, die an das Marktregime in den Jahren 2010/11 erinnert, als jede Veröffentlichung negativer US-Wirtschaftsdaten nahezu für ihre Konsequenzen für die USD-Liquidität der US-Notenbank gefeiert wurde, da diese die globale Risikofreudigkeit befeuerte und die Marktblase weiter wachsen ließ. Und wenn die Zentralbanken jetzt der zusammenbrechenden Risikofreudigkeit tatenlos zuschauen, sollten wir uns noch stärker als sonst vor ihren politischen Absichten in Acht nehmen. Das Risiko eines weltweiten Zusammenbruchs könnte ab hier an Fahrt gewinnen, wenn die EU ihren starken politischen Willen zur Rettung der systemrelevanten Banken Italiens bekundet. Ein Schwund der Risikofreudigkeit vor dem Hintergrund der schwachen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen würde die Zentralbanken mit der plötzlichen Erkenntnis überraschen, dass sie einmal zu oft mit dem Feuer gespielt haben. Der Tanz des Marktes mit der Zentralbankpolitik wird dann in eine neue, gefährliche Phase eintreten: Wenn nichts Brennbares mehr da ist, brechen die Märkte zusammen; wird fleißig Feuerholz nachgelegt, geraten die Dinge außer Kontrolle. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, fragen Sie? Nicht gerade ein Faktor in der Gleichung...
 
Die Märkte feiern die heiß erwartete nächste Phase der Zentralbank- und damit der Finanzpolitik, das sogenannte Helikoptergeld. Dieser eher unbestimmte Begriff umfasst so ziemlich alles von höheren Haushaltsausgaben, die dann durch zusätzliche Zentralbank-Anleihenkäufe abgedeckt werden, bis hin zu offenen Finanzspritzen in die Taschen der Verbraucher, die reinste Form des Helikoptergelds. Echtes Helikoptergeld würde tatsächlich das Problem der wachsenden Ungleichheit behandeln, eben weil Bares für den finanzschwachen Teil der Bevölkerung am schnellsten und am deutlichsten spürbar ist.  Vorerst scheint sich Japan noch dagegen zu sträuben, das Helikoptergeld vollends auf den Weg zu bringen. Stattdessen werden vermutlich zunächst Anreize mit der Unterstützung der Zentralbank gesetzt. Der Yen dürfte daher nicht weiter abschwächen, da die Markterwartungen wohl schon über das Ziel der japanischen Finanzpolitik hinausgeschossen sind.
 
Aber die globalen Märkte sollten sich gut überlegen, was sie sich wünschen. Natürlich ist das Helikoptergeld ein viel mächtigeres, viel direkteres Stimulans für die Wirtschaft als die quantitative Lockerung und insbesondere als Nullzinssätze oder gar negative Zinssätze. Aber im Gegensatz zur QE ist Helikoptergeld auch ein inflationäres, besonders unverblümtes Geldgeschenk. Und nach diesen Hilfsmitteln werden die Zentralbanken (und verstärkt auch die Regierungen) greifen müssen, wenn sie das schwache Wachstum auffangen und das Schreckgespenst der Deflation vertreiben wollen. Die Inflation ist die einzige finanzpolitische Notwendigkeit in einer Welt, die förmlich in Schulden ertrinkt. Und die Inflation ist die einzige Möglichkeit, die relative Last dieser immensen Schulden zu lindern, ohne Massenkreditausfälle zu verursachen. Aber die Schulden des einen sind die Ersparnisse des anderen. Mit anderen Worten: Viel Reichtum auf dem Papier wird real wohl verloren gehen. Und im Mittelpunkt dieses Abwärtswettlaufs werden die Fiatgeldkurse stehen.



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